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Percy Bysshe Shelley (1792-1822)

An die Nacht

Wandle schnell übers westliche Meer,
O Geist der Nacht,
Von des Ostens nebliger Höhle her,
Wo den Tag hindurch in einsamer Pracht
Du Träume von Lust und Leid gewebt, B
ei denen man jauchzt, bei denen man bebt -
Komm schnell und sacht!

Hüll dich ein in ein dunkles Gewand
Mit Sternenzier!
Dein Haar verdunkle des Tages Brand,
Küss ihn, bis ganz er erlegen dir;
Dann wandre weit über Stadt und Land,
Bis dein Mohnstab alles in Schlummer bannt -
O komm zu mir!

Als ich erwachte im dämmernden Grau,
Ersehnt ich dich;
Als im Sonnenscheine verdunstet der Tau,
Als des Mittags Schwüle die Flur beschlich,
Als der müde Tag sich wandte zur Rast,
Lang zögernd wie ein verhasster Gast,
Ersehnt ich dich.

Dein Bruder Tod frag sanft und lind:
»Willst du mich?«
Der blinzelnde Schlaf, dein süßes Kind,
Wie Bienengesumm mein Haupt umschlich:
»Soll ich mich schmiegen ans Herz dir? sag!
Riefst du mich an?« - Ich aber sprach:
»O nein, nicht dich!«

Der Tod kommt, wenn du tot bist, schon
Gar bald, zu bald;
Es kommt der Schlaf, wenn du entflohn;
Ihr Werben ist an mir verhallt -
So hör mich du, geliebte Nacht:
Breit um mich deiner Schwingen Pracht,
Komm bald, o bald!

(aus dem Englischen von Adolf Strodtmann)

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