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Nikolaus Lenau (1802-1850)

Das dürre Blatt

Durchs Fenster kommt ein dürres Blatt,
Vom Wind hereingetrieben;
Dies leichte, offne Brief lein hat
Der Tod an mich geschrieben.

Das dürre Blatt bewahr ich mir,
Wills in die Blätter breiten,
Die ich empfangen einst von Ihr;
Es waren schöne Zeiten!

Da draußen steht der Baum so leer;
Wie er sein Blatt im Fluge,
Kennt sie vielleicht ihr Blatt nicht mehr,
Trotz ihrem Namenszuge.

Der toten Liebe Worte flehn,
Dass ich auch sie vernichte;
Wie festgehaltne Lügner stehn
Sie mir im Angesichte.

Doch will ich nicht dem holden Wahn
Den Wurf ins Feuer gönnen;
Die Worte sehn mich traurig an,
Dass sie nicht sterben können.

Ich halte fest, zu bittrer Lust;
Was all mein Glück gewesen,
In meinen schmerzlichen Verlust
Will ich zurück mich lesen.

Das dürre Blatt leg ich dazu,
Des Todes milde Kunde,
Dass jedes Leiden findet Ruh
Und Heilung jede Wunde.

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