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Matthias Claudius (1740-1815)

Ankündigung des Wandsbecker Boten

Ich bin ein Bote und nichts mehr,
Was man mir gibt, das bring’ ich her,
Gelehrte und polit’sche Mär;
Von Ali Bei und seinem Heer,
Vom Tartar-Khan, der wie ein Bär
Die Menschen frisst am schwarzen Meer
(Der ist kein angenehmer Herr),
Von Persien, wo mit seinem Speer
Der Prinz Heraklius wütet sehr.
Vom roten Gold, vom Sternenheer,
Von Unschuld, Tugend, die noch mehr
Als Gold und Sterne sind —
(Virgil lässt auch oft Verse leer),
Von dem verschwiegnen Freimaurer
Vielleicht wohl auch, doch heimlicher,
Von Fried-Traktaten, Krieg und Wehr,
Von Couriers, die von ohngefähr
Gewiss nicht reiten hin und her,
Vom Heringsfang, von Freud und Gram,
Von Bender, das der Russe nahm,
Vom Lotto, das aus Welschland kam
Und nicht Quaternen mit sich nahm,
Vom Podagra, von Hörn und Harn,
Vom Zuckerrohr in Surinam,
Vom großen Mogul und Madam,
Von Zank, Erfindungen und Lehr’,
Von klein Verdienst und großer Ehr’,
Von groß Verdienst und kleiner Ehr’
Und tausend solche Sachen mehr,
Die sich begeben ohngefähr
Und alle anzuführen schwer:
Aus allen Enden fern und nah,
Aus Asia und Afrika,
Europia und Amerika,
Und andern Ländern hie und da,
Doch nicht aus Cappadocia.
Die nackte Wahrheit lieb ich sehr,
Doch gibt man mir noch etwas mehr,
Wenn’s nur noch eine Sage war,
Und wenn’s ein Spott zur Bessrung war,
Und wenn’s ein sanftes Liedchen war,
Und wenn es sonst so etwas war,
Je nun — da bring ich’s auch mit her,
Dafür bezahlet mich mein Herr.
Als ich von Hause ging, sprach er:
Geh hin! und saget die und der,
Seht doch! wo kommt der Bote her?
So wünsche höflich dem und der
Ein fröhlich Neujahr und noch mehr
Und sprich, ich komm von Wandsbeck her.

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Jakob von Hoddis (1887-1942)

Kinematograph

Der Saal wird dunkel. Und wir sehn die Schnellen
Der Ganga, Palmen, Tempel auch des Brahma,
Ein lautlos tobendes Familiendrama
Mit Lebemännern dann und Maskenbällen.

Man zückt Revolver. Eifersucht wird rege,
Herr Piefke duelliert sich ohne Kopf.
Dann zeigt man uns mit Kiepe und mit Kropf
Die Älplerin auf mächtig steilem Wege.

Es zieht ihr Pfad sich bald durch Lärchenfelder,
Bald krümmt er sich und dräuend steigt die schiefe
Felswand empor. Die Aussicht in der Tiefe
Beleben Kühe und Kartoffelfelder.

Und in den dunklen Raum - mir ins Gesicht -
Flirrt das hinein, entsetzlich! nach der Reihe!
Die Bogenlampe zischt zum Schluss nach Licht -
Wir schieben geil und gähnend uns ins Freie.

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Klabund (1890-1928)

Als sie meine Stimme im Radio hörte

Du hörtest meine Stimme wie von fern.
Sprach ich von einem andern Stern?
Du griffst mit deinen Händen in das Leere,
Ob dort ein Leib nicht und ein Lächeln wäre.
Kein Leib. Nur Stimme. Lippe nicht. Nur Wort.
Und leise legtest du den Hörer fort.

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Hans-Peter Kraus (geb. 1965), www.ziemlichkraus.de/gedichte/

Nicht fernsehreif

Was ist ein Fernseher,
der aus dem Fenster fliegt?
Das ist: ein guter Start.
Und was ist,
wenn Fernseher
millionenfach
im Fluge sind?
Das ist: Die Revolution,
die nicht
ins Fernsehen kommt.

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Hans-Peter Kraus (geb. 1965), www.ziemlichkraus.de/gedichte/

Die kürzeste Romanze der Welt

Mir war sofort klar,
dies war die Frau, die ich suchte,
für die ich immer da sein wollte,
in guten wie in schlechten Zeiten,
bis zum Ende meiner Tage.
Doch im letzten Satz ihrer Kontaktanzeige schrieb sie:
Buschige Augenbrauen zwecklos.
Da war es aus zwischen uns.

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Karl Kraus (1874-1936)

Kino

Noch lässt sich diese Menschheit nicht begraben,
noch kann’s im Fortschritt weiter gehn.
Erst wenn sie sich ganz und gar im Film gesehn,
dann wird sie am Ende genug von sich haben.

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Karl Kraus (1874-1936)

Die Zeitung

Weißt du, der du die Zeitung liest,
wie viele Bäume mussten bluten,
damit geblendet von Valuten
du dein Gesicht in diesem Spiegel siehst,
um wieder dich an dein Geschäft zu sputen?

Weißt du, der du die Zeitung liest,
wie viele Menschen dafür sterben,
dass wenige sich Lust erwerben
und dafür, dass die Kreatur genießt
der Kreatur unsägliches Verderben?

Und kannst du, wissend, doch die Zeitung lesen?
Verhängt das Blatt des Tags dir nicht das Licht?
Wie wächst der Trug gewaltig zum Gewicht
und drohend dieser Schein zum Wesen!
Ich seh den Wald vor lauter Blättern nicht!

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Hans-Peter Kraus (geb. 1965), www.ziemlichkraus.de/gedichte/

Bei uns zu Besuch

Montag Morgen im Supermarkt.
Sie steht am Obststand,
begutachtet die Äpfel.
Sie ist eine durchschnittliche Frau
von heute, nichts Besonderes:
Mitte 20, 1,75 groß, schlank,
leicht gebräunt, ein feines makelloses
Gesicht, seidig glänzendes halblanges
Haar, auf der linken Seite hinters Ohr
gelegt, geschmackvoll winterlich
gekleidet mit Stiefeln bis knapp an die Knie.
Ist das wieder Mode?
Ich gehe an ihr vorbei, kaufe, was ich
zu kaufen habe. Bei den Zeitschriften
sehe ich sie wieder. Sie bückt sich nach
einer Frauenzeitschrift, blättert sie auf
und steigt hinein.
Ich werfe einen Blick in die aufgeschlagene
Zeitschrift. Tatsächlich, Seite 67, sie ist es,
mit Stiefeln von Gucci. Nett von ihr,
bei uns vorbeizuschauen.

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Karl Kraus (1874-1936)

Radio

Hat Menschengeist Natur so aufgestört,
dass er sie zwingt, von allem, was da tönt,
ins taube Ohr der Menschheit zu ergießen?
Welch missgestimmtes Maß im Allgenießen,
wie sie Musik aus allen Sphären hört
und nichts von jedem Jammer, der da stöhnt!

O Trost und Trug der Trübsal, die vernimmt,
dass irgendwo die Unbeschwerten tanzen
und irgendwo das Leben ohne Last.
Sie selbst trägt auf dem Rücken ihren Ranzen,
und die das Schicksal an der Kehle fasst,
erfahren, dass die Sänger wohlgestimmt.

Verkehrter Fortschritt in die Weltenkluft,
den schmerzvoll die Natur zur Umkehr wendet,
auf dass die Sänger mit den Hörern tauschen.
Erfüllt vom Gram der Erde sei die Luft!
Auf allen Wellen sei das Weh gesendet,
dass alle Frohen allen Seufzern lauschen!

Misston der Menschlichkeit, Choral der Qualen,
stürz in das grausam lustverwöhnte Ohr
und lasse den Diskant der Dinge hören!
Und was als Wehlaut sich ins All verlor,
soll an dem Tag, der diese Schuld wird zahlen,
erschallen euch als die Musik der Sphären!

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Hans-Peter Kraus (geb. 1965), www.ziemlichkraus.de/gedichte/

Spätwestern

Schießt erst,
presste der Anführer der Siedler
zwischen den Lippen hervor,
wenn ihr,
er stöhnte auf,
das Weiße in ihren Augen seht,
und starb.
Die Indianer griffen an.
Kein Schuss fiel.
Widerstandslos
ließen sich die Siedler abmetzeln.
Warum
hatten sich die Bleichgesichter nicht gewehrt?
Die Indianer
nahmen ihre verspiegelten Sonnenbrillen ab
und grübelten.

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Hans-Peter Kraus (geb. 1965), www.ziemlichkraus.de/gedichte/

Biblische Geschichte des Fernsehens

Am Anfang war das Wort
Doch das ist nicht wahr
Denn was Gott sah
War das Bild
Das laufende Bild
Und es geschah
Dass Gott sah
Bis ihm schlecht war
Und er schuf die Welt
Und welch ein Schlamassel
Kein Jesus in Sicht
Der die Fernsehsender
Aus dem Leben vertreibt

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Else Lasker-Schüler (1869-1945)

Komm mit mir in das Cinema...

Komm mit mir in das Cinema,
Dort findet man, was einmal war:
Die Liebe!

Liegt meine Hand in deiner Hand
Ganz übermannt im Dunkel,
Trompetet wo ein Elefant
Ganz plötzlich aus dem Dschungel -

Und schnappt nach uns aus heißem Sand
Auf seiner Filmenseide,
Ein Krokodilweib, hirnverbrannt,
Dann - küssen wir und beide!

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Hans Retep (geb. 1956)
www.hans-retep-gedichte.de/gedichte-fernsehen.php

Die Lösung

Den Ingenieuren wurde angst und bang,
sie sollten einen Fernseher entwerfen
so flach und billig wie das TV-Programm.
Sie lösten dies Problem ganz elegant
mit einem Schnuller und ’nem Gummiband.

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Hans Retep (geb. 1956)
www.hans-retep-gedichte.de/gedichte-fernsehen.php

Loblied auf den Fernseher

Der Fernseher
ist Nahgerät,
er bringt die Welt heran,
doch nie so nah,
dass man sie nicht
sogleich vergessen kann.

Mit ihm verkürzt man flott die Zeit,
er macht sie einfach platt;
man guckt und guckt, ein Blick zur Uhr,
kein Leben fand hier statt.

Für Kinder ist’s Idealgerät,
es macht sie taub und stumm;
sie sitzen dran wie festgeklebt
und werden langsam dumm.

Die Politik ist dankbar ihm,
er hält vom Denken ab;
so lang die Leut nur glotzen tun,
lacht man sich oben schlapp.

Der Fernseher
ist Nahgerät,
er bringt die Welt heran,
doch nie so nah,
dass man sie nicht
sogleich vergessen kann.

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Hans Retep (geb. 1956)
www.hans-retep-gedichte.de/gedichte-fernsehen.php

Morituri te salutant

Leute, Leute, habt ihr das gehört?
„GEZ will Geld von Adam Riese!“
Diese Typen sind TV-gestört:
Lang liegt Adam unterhalb der Wiese.

Doch es gibt kein Halten vor dem Tod,
ihre Geldgier darf hier nicht versagen.
Groß ist sie, die Fernseh-Anstaltsnot:
Keiner kanns Programm lebend noch ertragen.

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