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Wintersprüche

 

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Justinus Kerner (1786-1862)

Weisheit des Winters

Strenger Winter! kalter Weiser! schonest weder Kraut noch Gras!
Was du nur berührst, du Frost'ger! wandelst du in starres Glas.
Bunte Blüten, grüne Blätter, die der milde Sommer gab,
Schlägst du, weil du's nicht geboren, mit den harten Fäusten ab,
Rufest stolz: »Ich hab' dem Flusse klar geführet den Beweis,
Dass er gar zu wässrig fließe, dass er werden soll zu Eis.
Nachtigall, dem läpp'schen Vogel, der naiv-dumm sang bei Nacht,
Rief ich zu: Du Abgeschmackter! hab' zum Schweigen ihn gebracht.
Auch der Lerche, die durchs Fliegen himmelhoch das Fleisch verlor,
Sagt' ich kalt: Lass deinen Wahnwitz! und sie kommt nicht mehr hervor.
Und der Sonne, die getrieben tolles Wesen mannigfalt,
Sah ich streng nur ins Gesichte, und sie ward verständig kalt,
Läßt nicht mehr den Regenbogen, den phantastischen, erglühn:
Denn ich hab' ihr klar bewiesen, daß der ohne Zweck und Sinn.
Auch dem Donner in den Wolken sagt' ich ohne alle Scheu:
(Und er schweigt) - daß er nichts anders als ein kind'sches Spucken sei.
Also kam durch mein Bestreben in die Welt nun Zeit und Maß,
Ha! beim alten tollen Leben wär' sie bald erstickt in Gras.«
Strenger Winter! Rezensente! mache dich nicht allzu weiß!
Sieh! auch dir wird einstens brechen in der Brust das harte Eis!
Fluss wird fließen, Vogel singen, Sonne warm und segnend sein,
Luft wird regnen, Donner rollen, aber du wirst nimmer schrein.

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Klabund (1890-1928)

Winteranfang

Alle Welt ist voll Wind.
Der Herbst fällt von den Bäumen.
Wir sind
In Träumen.

Der erste weiße Schnee ...
Wer auf ihn tritt, tritt ihn zu Dreck.
Ich sehe weg,
Weil ich mein Herz seh.

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Nikolaus Lenau (1802-1850)

Winternacht

Vor Kälte ist die Luft erstarrt,
Es kracht der Schnee von meinen Tritten,
Es dampft mein Hauch, es klirrt mein Bart;
Nur fort, nur immer fortgeschritten!

Wie feierlich die Gegend schweigt!
Der Mond bescheint die alten Fichten,
Die, sehnsuchtsvoll zum Tod geneigt,
Den Zweig zurück zur Erde richten.

Frost! friere mir ins Herz hinein,
Tief in das heißbewegte, wilde!
Dass einmal Ruh mag drinnen sein,
Wie hier im nächtlichen Gefilde!

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Alfred Lichtenstein (1889-1914)

Der Winter

Von einer Brücke schreit vergrämt ein Hund
Zum Himmel ... der wie alter grauer Stein
Auf fernen Häusern steht. Und wie ein Tau
Aus Teer liegt auf dem Schnee ein toter Fluss.

Drei Bäume, schwarzgefrorne Flammen, drohn
Am Ende aller Erde. Stechen scharf
Mit spitzen Messern in die harte Luft,
In der ein Vogelfetzen einsam hängt.

Ein paar Laternen waten zu der Stadt,
Erloschne Leichenkerzen. Und ein Fleck
Aus Menschen schrumpft zusammen und ist bald
Ertrunken in dem schmählich weißen Sumpf.

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Hermann Löns (1866-1914)

Die Nacht im Winter

Auf breiter Berge steiler Treppe
Rauscht sturmdurchflüstert stolz dahin
Die schwarze Riesenseidenschleppe
Der Nacht, der kalten Königin.

Von tausend Flittern ist durchflimmert
Ihr Kleid, sonst allen Schmuckes bar,
Ein schmaler, heller Halbmond schimmert
Im reichen, bläulichschwarzen Haar.

Zwei kühle Silbergletscher leuchten
Aus ihrem schwarzen Kleid hervor,
In ihrer kalten, eisig feuchten
Umgebung manches Herz erfror.

Vornehm und stolz - kein Zug von Wonne
Spielt in dem Antlitz kalt und tot -
Wer kennt die rote, heiße Sonne,
Die hinter jenen Gletschern loht?

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Christian Morgenstern (1871-1914)
www.lyrik-lesezeichen.de/gedichte/morgenstern.php

Neuschnee

Flockenflaum zum ersten Mal zu prägen
mit des Schuhs geheimnisvoller Spur,
einen ersten schmalen Pfad zu schrägen
durch des Schneefelds jungfräuliche Flur -

kindisch ist und köstlich solch Beginnen,
wenn der Wald dir um die Stirne rauscht
oder mit bestrahlten Gletscherzinnen
deine Seele leuchtende Grüße tauscht.

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Friedrich Nietzsche (1844-1900)

Vereinsamt

Die Krähen schrein
und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
Bald wird es schnein -
Wohl dem, der jetzt noch Heimat hat.

Nun stehst du starr,
schaust rückwärts, ach, wie lange schon,
was bist du Narr
vor Winters in die Welt entflohn?

Die Welt - ein Tor
zu tausend Wüsten stumm und kalt;
wer das verlor,
was du verlorst, macht nirgends halt.

Nun stehst du bleich,
zur Winter-Wanderschaft verflucht,
dem Rauche gleich,
der stets nach kältern Himmeln sucht.

Flieg, Vogel, schnarr
dein Lied im Wüstenvogel-Ton.
Versteck, du Narr,
dein blutend Herz in Eis und Hohn.

Die Krähen schrein
und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
Bald wird es schnein -
Weh dem, der keine Heimat hat.

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Joachim Ringelnatz (1883-1934)
www.lyrik-lesezeichen.de/gedichte/ringelnatz.php

Lebhafte Winterstraße

Es gehen Menschen vor mir hin
Und gehen mir vorbei, und keiner
Davon ist so, wie ich es bin.
Es blickt ein jedes so nach seiner
Gegebenen Art in seine Welt.

Wer hat die Menschen so entstellt??

Ich sehe sie getrieben treiben.
Warum sie wohl nie stehenbleiben,
Zu sehen, was nach ihnen sieht?
Warum der Mensch vorm Menschen flieht?

Und eine weiße Weite Schnee
Verdreckt sich unter ihren Füßen.
So viele Menschen. Mir ist weh:
Keinen von ihnen darf ich grüßen.

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Johann Rist (1607-1667)

Auf die Winterszeit

Der Winter hat sich angefangen,
Der Schnee bedeckt das ganze Land,
Der Sommer ist hinweggegangen,
Der Wald hat sich in Reif verwandt.
Die Wiesen sind von Frost versehret,
Die Felder glänzen wie Metall;
Die Blumen sind in Eis verkehret,
Die Flüsse stehn wie harter Stahl.
Wolan, wir wollen von uns jagen
Durchs Feur das kalte Winterkleid;
Komt, laßt uns Holz zum Herde tragen
Und Kohlen dran, jetzt ist es Zeit.
Lasst uns den Fürnewein hergeben
Dort unten aus dem großen Fass!
Das ist das rechte Winterleben:
Ein' heiße Stub' und kühles Glas.
Wolan, wir wollen musizieren
Bei warmer Luft und kühlen Wein;
Ein ander mag sein' Klagen führen,
Den Mammon nie lässt fröhlich sein.
Wir wollen spielen, scherzen, essen,
Solang' uns noch kein Geld gebricht,
Doch auch der Schönsten nicht vergessen,
Denn wer nicht liebt, der lebet nicht.
Wir haben dennoch gnug zu sorgen,
Wann nun das Alter kommt heran;
Es weiß doch keiner, was ihm morgen
Noch vor ein Glück begegnen kann.
Drum will ich ohne Sorgen leben,
Mit meinen Brüdern fröhlich sein.
Nach Ehr' und Tugend tu' ich streben,
Den Rest befehl' ich Gott allein.

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Johann Gaudenz von Salis-Seewis (1762-1834)

Winterlied

Das Feld ist weiß, so blank und rein,
Vergoldet von der Sonne Schein,
Die blaue Luft ist stille;
Hell, wie Kristall
Blinkt überall
Der Fluren Silberhülle.

Der Lichtstrahl spaltet sich im Eis,
Er fimmert blau und rot und weiß,
Und wechselt seine Farbe.
Aus Schnee heraus
Ragt, nackt und kraus,
Des Dorngebüsches Garbe.

Von Reifenduft befiedert sind
Die Zweige rings, die sanfte Wind´
Im Sonnenstrahl bewegen.
Dort stäubt vom Baum
Der Flocken Pflaum
Wie leichter Blütenregen.

Tief sinkt der braune Tannenast
Und drohet, mit des Schnees Last
Den Wandrer zu beschütten;
Vom Frost der Nacht
Gehärtet, kracht
Der Weg, von seinen Tritten.

Das Bächlein schleicht, von Eis geengt;
Voll lautrer blauer Zacken hängt
Das Dach; es stockt die Quelle;
Im Sturze harrt,
Zu Glas erstarrt,
Des Wasserfalles Welle.

Die blaue Meise piepet laut;
Der muntre Sperling pickt vertraut
Die Körner vor der Scheune.
Der Zeisig hüpft
Vergnügt und schlüpft
Durch blätterlose Haine.

Wohlan! auf festgediegner Bahn,
Klimm ich den Hügel schnell hinan,
Und blicke froh ins Weite;
Und preise den,
Der rings so schön
Die Silberflocken streute.

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Adolf Friedrich von Schack (1815-1894)

Am Kamin

Stürme, Dezember, vor meinem Gemach,
Hänge Zapfen von Eis an das Dach;
Nichts doch weiß ich vom Froste;
Hier am wärmenden, trauten Kamin
Ist mir, als ob des Frühlings Grün
Rings um mich rankte und sprosste.

All das Gezweig, wie es flackert und flammt,
Plaudert vom Walde, dem es entstammt,
Redet von seligen Tagen,
Als es, durchfächelt von Sommerluft,
Knospen und Blüten voll Glanz und Duft,
Grünende Blätter getragen.

Fernher hallenden Waldhornklang
Glaub' ich zu hören, Drosselgesang,
Sprudelnder Quellen Schäumen,
Tropfenden Regen durchs Laubgeäst,
Der die brütenden Vögel im Nest
Weckt aus den Mittagsträumen.

Stürme denn, Winter, eisig und kalt!
An den Kamin herzaubert den Wald
Mir der Flammen Geknister,
Bis ich bei Frühlingssonnenschein
Wieder im goldgrün schimmernden Hain
Lausche dem Elfengeflüster.

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Ernst Stadler (1883-1914)

Winteranfang

Die Platanen sind schon entlaubt. Nebel fließen.
Wenn die Sonne einmal durch den Panzer grauer Wolken sticht,
Spiegeln ihr die tausend Pfützen ein gebleichtes runzliges Gesicht.
Alle Geräusche sind schärfer. Den ganzen Tag über hört man in den Fabriken die Maschinen gehn -
So tönt durch die Ebenen der langen Stunden mein Herz und mag nicht stille stehn
Und treibt die Gedanken wie surrende Räder hin und her,
Und ist wie eine Mühle mit windgedrehten Flügeln, aber ihre Kammern sind leer:
Sie redet irre Worte in den Abend und schlägt das Kreuz. Schon schlafen die Winde ein. Bald wird es schnei'n,
Dann fällt wie Sternenregen weißer Friede aus den Wolken und wickelt alles ein.

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Georg Trakl (1887-1914)
www.lyrik-lesezeichen.de/gedichte/georg_trakl.php

Im Winter

Der Acker leuchtet weiß und kalt.
Der Himmel ist einsam und ungeheuer.
Dohlen kreisen über dem Weiher
Und Jäger steigen nieder vom Wald.

Ein Schweigen in schwarzen Wipfeln wohnt.
Ein Feuerschein huscht aus den Hütten.
Bisweilen schellt sehr fern ein Schlitten
Und langsam steigt der graue Mond.

Ein Wild verblutet sanft am Rain
Und Raben plätschern in blutigen Gossen.
Das Rohr bebt gelb und aufgeschossen.
Frost, Rauch, ein Schritt im leeren Hain.

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Walther von der Vogelweide (ca. 1170-1230)

Uns hat der Winter...

Uns hat der Winter mehr als alles geschadet:
Fahl sind sowohl Heide als auch Wald,
wo viele süße Stimmen gehallt haben.
Wenn ich die Mädchen auf der Straße den Ball werfen
sähe, dann käme uns auch der Gesang der Vögel zurück.

Könnte ich des Winters Zeit verschlafen!
Bin ich wach, erlebe ich seine Missgunst,
wie weit und breit seine Gewalt ist.
Weiß Gott, der Mai wird ihn besiegen:
Dann werde ich Blumen pflücken, wo jetzt der Reif liegt.

(aus dem Mittelhochdeutschen von Wersch)

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Friedrich Wilhelm Weber (1813-1894)

Es wächst viel Brot...

Es wächst viel Brot in der Winternacht,
Weil unter dem Schnee frisch grünet die Saat;
Erst wenn im Lenze die Sonne lacht,
Spürst du, was Gutes der Winter tat.

Und deucht die Welt dir öd und leer,
Und sind die Tage dir rau und schwer,
Sei still und habe des Wandels acht:
Es wächst viel Brot in der Winternacht.

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Bruno Wille (1860-1928)

Dämmerstündchen

Dämmerstündchen im frostigen Winter,
Dämmerstündchen im traulichen Stübchen ...
Wenn da draußen über den harten
Knarrenden Schnee ein kragenvermummter
Mann mit dampfendem Atem eilt,
Ohren und Nase rotgezwickt ...
Wolkig umhüllt, mit Schnauben und Stampfen
Ziehn zwei Pferde den wuchtigen Wagen ...
Und der Schusterjunge im Schurzfell
Trabt und haucht in die klamme Hand ...
Rötlich strahlt die Straßenlaterne;
Über dem schneebelasteten Hausdach
Blinzelt der Abendstern.

Dämmerstündchen im frostigen Winter,
Dämmerstündchen im traulichen Stübchen ...
Wärme strahlt der gewaltige Ofen,
Muntre Flammen durchäugeln den Spalt;
Und ich dehne behaglich die Glieder,
Lausche dem lieblich summenden Singsang
Des melodisch sinnigen Kessels;
Hitzig brät indessen der Apfel,
Den lieb Mütterchen mir verehrte.
Fernher klingelt ein Schlitten - fernhin;
Und die ruhige Seele träumt.

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