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Emanuel Geibel (1815-1884)

Nachts am Meere

Es schlief das Meer und rauschte kaum
Und war doch allen Schimmers voll,
Der durch der Wolken Silberflaum
Vom lichten Monde niederquoll;
Im Blau verschwamm die ferne Flut,
Wie Bernstein flimmerte der Sand;
Ich aber schritt in ernstem Mut
Hinunter und hinauf den Strand.

O was in solcher stillen Nacht
Durch eine Menschenseele zieht,
Bei Tag hat’s keiner nachgedacht,
Und spricht es aus kein irdisch Lied.
Es ist ein Hauch, der wunderbar
Aus unsrer ew’gen Heimat weht,
Ein innig Schauen tief und klar,
Ein Lächeln halb und halb Gebet.

Da spürst du still und körperlos
Ein segnend Walten um dich her,
Du fühlst, du ruhst in Gottes Schoß,
Und wo du wandelst, wallt auch er;
Die Tränen all sind abgetan,
Die Dornen tragen Rosenglut,
Es taucht die Liebe wie ein Schwan
Aus deines Lebens dunkler Flut.

Und was am schwersten dich bedroht,
Dir zeigt’s ein liebes Angesicht.
Zum Freiheitsherold wird der Tod,
Der deines Wesens Siegel bricht;
Du schaust ins Aug’ ihm still vertraut,
Von heil’gem Schauder nur berührt,
Gleichwie ein Bräut’gam, den die Braut
Zum seligsten Geheimnis führt.

Genug, genug! Halt ein, mein Lied!
Denn was bei Nacht und Mondenlicht
Durch eine Menschenseele zieht,
Das sagt kein irdisches Gedicht;
Ein Hauch ist’s, der da wunderbar
Von Edens Friedenspalmen weht,
Ein wortlos Schauen tief und klar,
Ein Lächeln halb und halb Gebet.

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Alfred Meißner (1822-1885)

Abend am Meer

O Meer im Abendstrahl,
An deiner stillen Flut
Fühl’ ich nach langer Qual
Mich wieder fromm und gut.

Das heiße Herz vergisst,
Woran sich’s müd’ gekämpft,
Und jeder Wehruf ist
Zu Melodie gedämpft.

Kaum dass ein leises Weh
Durchgleitet das Gemüt,
Wie durch die stumme See
Ein weißes Segel zieht.

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Peter Hille (1854-1904)

Seegesicht

Die Küste ruht.
Weites Tritonengetut
Silberne Wunden der Flut
Tobende Augen der Wut.

Krähende Pausbacks auf steigenden Rossen,
Plätschernder Spielen purpurne Flossen,
Neckisch Bedräuen mit Zacken und Spießen,
Kräftig anfassendes Leiberumschließen.

Und sieh, eine Muschel fleischgelb und zart
Von Amorinen flüsternd bewahrt.
Hingegossen ruhende Linien,
Grüßender rauschender Palmen und Pinien.
Angeblühte rosige Brüste.
Lächelnde sonnengestreifte Küste.

Fürder kein Dräuen mit Zacken und Spießen
Müdhinlallendes Leiberumschließen.
Nickende Pausbacks auf schlürfenden Rossen. –
Grünhinflüsternde, finstere Flossen.

Erloschene Wunden der Flut,
Fernes Tritonengetut
Stierende Augen der Wut.
Die Küste ruht.

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Friedrich Rückert (1788-1866)

O Wieg'...

O Wieg', aus der die Sonnen steigen, o heiliges Meer!
O Grab, in das die Sonnen neigen, o heiliges Meer!
O du im Duft der Nacht entfaltend den Spiegel, darein
Vom Himmel Luna schaut mit Schweigen, o heiliges Meer!
O du in stillen Mitternächten mit Wogengesang
Einklingend in der Sterne Reigen, o heiliges Meer!
Die Morgen- und die Abendröten erblühen aus dir,
Zwei Rosen deinem Garten eigen, o heiliges Meer!
Atmender Busen Amphitrites, der nieder und auf
Die Wogen sinken lässt und steigen, o heiliges Meer!
Schoß, mütterlicher, Aphrodites! gebäre dein Kind,
Um deinen Glanz der Welt zu zeigen, o heiliges Meer!
Spreng' auf den Frühlingskranz der Erde den perlenden Tau!
Denn alle Perlen sind dein eigen, o heiliges Meer!
Du sammelst alle dir entstammten Najaden der Flur
Zurück zum Nereidenreigen, o heiliges Meer!
Die Schiffe der Gedanken segeln und sinken in dir;
Atlantis ruht in deinem Schweigen, o heiliges Meer!
Der Götterbecher, der gefallen vom hohen Olymp,
Hängt tief an den Korallenzweigen, o heiliges Meer!
Ein Taucher in das Meer der Liebe ist Freimunds Gesang,
Der deinen Glanz der Welt will zeigen, o heiliges Meer!
Als wie der Mond will ich mit Sehnen mich stürzen in dich;
Lass mich aus dir als Sonne steigen, o heiliges Meer!

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Rainer Maria Rilke (1875-1926)
www.lyrik-lesezeichen.de/gedichte/rilke.php

Lied vom Meer

Capri. Piccola Marina

Uraltes Wehn vom Meer,
Meerwind bei Nacht:

du kommst zu keinem her;

wenn einer wacht,
so muss er sehn, wie er
dich übersteht:

uraltes Wehn vom Meer

welches weht
nur wie für Ur-Gestein,
lauter Raum
reißend von weit herein...

O wie fühlt dich ein

treibender Feigenbaum
oben im Mondschein.

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Clara Müller-Jahnke (1816-1905)

Am Meer

Du bist mir Freund geworden,
des trag ich Freud genug;
es rauscht in Sturmakkorden,
o Meer, dein Atemzug.
Er haucht in meine Seele
ein Ahnen licht und groß –
da sinken Schuld und Fehle
wie Fesseln von mir los.

Du bist mir Freund geworden,
des trag ich Freud genug;
mich zog zu deinen Borden
ein wundersamer Zug.
Ich ließ der Palmenwälder
schwülduftende Tropennacht,
ich ließ der Weizenfelder
goldglänzende Aehrenpracht.

Vergessen hab ich lange
der Bäume früchteschwer;
ich grüße vom Dünenhange
dich, vielgeliebtes Meer!
Mich lockt aus blauen Feuchten
ein flimmernd Wellenspiel:
eine Krone seh ich leuchten,
die in die Tiefe fiel.

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Clara Müller-Jahnke (1816-1905)

Frühling am Meer

Nun braust vom Felsen
zum Meeresstrand
auf Wolkenschwingen
der Sturm durchs Land;
am Dünenhange
zerschmilzt der Schnee: –
in Frühlingsjubel
erbraust die See! –

Und sprosst kein Blättchen
aus Sand und Stein,
und lacht kein Veilchen
im Sonnenschein, –
Schaumkämme blitzen
wie Blütenschnee:
in Jubelhymnen
erbraust die See! –

Wie Gottes Odem
die Luft so rein!
Ich sauge den Frühling
ins Herz hinein:
da fließt vom Auge
zertauter Schnee; –
in Sturmakkorden
erbraust die See! –

Zu meinen Häupten
die Möwe zieht,
weit über die Wasser
erschallt mein Lied:
Verweht vom Sturme
des Winters Weh –
in Frühlingsjubeln
erbraust die See!

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Wilhelm Müller (1794-1827)

Die Meere

Alle Winde schlafen
Auf dem Spiegel der Flut;
Kühle Schatten des Abends
Decken die müden zu.

Luna hängt sich Schleier
Über ihr Gesicht,
Schwebt in dämmernden Träumen
Über die Wasser hin.

Alles, Alles stille
Auf dem weiten Meer!
Nur mein Herz will nimmer
Mit zur Ruhe gehn.

In der Liebe Fluten
Treibt es her und hin,
Wo die Stürme nicht ruhen,
Bis der Nachen sinkt.

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Christian Morgenstern (1871-1914)
www.lyrik-lesezeichen.de/gedichte/morgenstern.php

Am Meer

Wie ist dir nun,
meine Seele?
Von allen Märkten
des Lebens fern,
darfst du nun ganz
dein selbst genießen.

Keine Frage
von Menschenlippen
fordert Antwort.
Keine Rede
noch Gegenrede
macht dich gemein.
Nur mit Himmel und Erde
hältst du
einsame Zwiesprach.
Und am liebsten
befreist du
dein stilles Glück,
dein stilles Weh
in wortlosen Liedern.

Wie ist dir nun,
meine Seele?
Von allen Märkten
des Lebens fern
darfst du nun ganz
dein selbst genießen.

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Nikolaus Lenau (1802-1850)

Seemorgen

Der Morgen frisch, die Winde gut,
Die Sonne glüht so helle,
Und brausend geht es durch die Flut;
Wie wandern wir so schnelle!

Die Wogen stürzen sich heran;
Doch wie sie auch sich bäumen,
Dem Schiff sich werfend in die Bahn,
In toller Mühe schäumen:

Das Schiff voll froher Wanderlust
Zieht fort unaufzuhalten,
Und mächtig wird von seiner Brust
Der Wogendrang gespalten;

Gewirkt von goldner Strahlenhand
Aus dem Gesprüh der Wogen,
Kommt ihm zur Seit ein Irisband
Hellflatternd nachgeflogen.

So weit nach Land mein Auge schweift,
Seh ich die Flut sich dehnen,
Die uferlose; mich ergreift
Ein ungeduldig Sehnen.

Dass ich so lang euch meiden muss,
Berg, Wiese, Laub und Blüte! –
Da lächelt seinen Morgengruß
Ein Kind aus der Kajüte.

Wo fremd die Luft, das Himmelslicht,
Im kalten Wogenlärme,
Wie wohl tut Menschenangesicht
Mit seiner stillen Wärme!

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Friederike Kempner (1836-1901)

Das Meer

Grüß' mir das Meer,
Silberne Wellen
Rauschen und schwellen,
Schön ist das Meer!

Grüß' mir das Meer,
Golden es schäumt',
Ob es auch träumet?
Tief ist das Meer.

Grüß' mir das Meer,
Glücklich es scheinet
Ströme es weinet,
Groß ist das Meer.

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Anastasius Grün (1808-1876)

Am Strande

Auf hochgestapelte Ballen blickt
Der Kaufherr mit Ergötzen;
Ein armer Fischer daneben flickt
Betrübt an zerrissenen Netzen.

Manch rüstig stolzbewimpelt Schiff!
Manch morsches Wrack im Sande!
Der Hafen hier, und dort das Riff,
Jetzt Flut, jetzt Ebb' am Strande.

Hier Sonnenblick, Sturmwolken dort;
Hier Schweigen, dorten Lieder,
Und Heimkehr hier, dort Abschiedswort;
Die Segel auf und nieder!

Zwei Jungfrauen sitzen am Meeresstrand;
Die eine weint in die Fluten,
Die andre mit dem Kranz in der Hand
Wirft Rosen in die Fluten.

Die eine, trüber Wehmut Bild,
Stöhnt mit geheimem Beben:
»O Meer, o Meer, so trüb und wild,
Wie gleichst du so ganz dem Leben!«

Die andre, lichter Freude Bild,
Kos't selig lächelnd daneben:
»O Meer, o Meer, so licht und mild,
Wie gleichst du so ganz dem Leben!«

Fortbraust das Meer und überklingt
Das Stöhnen wie das Kosen;
Fortwogt das Meer, und, ach, verschlingt
Die Tränen wie die Rosen.

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Anastasius Grün (1808-1876)

Begrüßung des Meeres

Unermesslich und unendlich,
Glänzend, ruhig, ahnungschwer,
Liegst du vor mir ausgebreitet,
Altes, heil'ges, ew'ges Meer!

Soll ich dich mit Thränen grüßen,
Wie die Wehmut sie vergießt,
Wenn sie trauernd auf dem Friedhof
Manch ein teures Grab begrüßt?

Denn ein großer, stiller Friedhof,
Eine weite Gruft bist du,
Manches Leben, manche Hoffnung
Deckst du kalt und fühllos zu;

Keinen Grabstein wahrst du ihnen,
Nicht ein Kreuzlein, schlicht und schmal,
Nur am Strande wandelt weinend
Manch ein lebend Trauermal.

Soll ich dich mit Jubel grüßen,
Jubel, wie ihn Freude zollt,
Wenn ein weiter, reicher Garten
Ihrem Blick sich aufgerollt?

Denn ein unermess'ner Garten,
Eine reiche Flur bist du,
Edle Keime deckt und Schätze
Dein kristallner Busen zu.

Wie des Gartens üpp'ge Wiesen
Ist dein Plan auch glatt und grün,
Perlen und Korallenhaine
Sind die Blumen, die dir blühn.

Wie im Garten stille Wandler
Ziehn die Schiffe durch das Meer,
Schätze fordernd, Schätze bringend,
Grüßend, hoffend, hin und her. –

Sollen Tränen, soll mein Jubel
Dich begrüßen, Ozean?
Nicht'ger Zweifel, eitle Frage,
Da ich doch nicht wählen kann!

Da doch auch der höchste Jubel
Mir vom Aug' als Träne rollt,
So wie Abendschein und Frührot
Stets nur Tau den Bäumen zollt.

Zu dem Herrn empor mit Tränen
War mein Aug' im Dom gewandt;
Und mit Tränen grüßt' ich wieder
Jüngst mein schönes Vaterland;

Weinend öffnet' ich die Arme,
Als ich der Geliebten nah;
Weinend kniet' ich auf den Höhen,
Wo ich dich zuerst ersah.

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Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832)
www.lyrik-lesezeichen.de/gedichte/goethe.php

Meeresstille

Tiefe Stille herrscht im Wasser,
Ohne Regung ruht das Meer,
Und bekümmert sieht der Schiffer
Glatte Fläche ringsumher.
Keine Luft von keiner Seite!
Todesstille fürchterlich!
In der ungeheuern Weite
Reget keine Welle sich.

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Emanuel Geibel (1815-1884)

Am Meere

O leiser Wogenschlag, eintönig Lied,
Dazu die Harfe rührt der müde Wind,
Wenn Well' auf Welle blinkend strandwärts zieht
Und dann auf goldnem Ufersand verrinnt,
Wie oft in märchenhaftes Traumgebiet
Verlockte mich dein Wohllaut schon als Kind!
Versunken stand ich dann und lauschte tief,
Bis mich die Nacht vom lieben Strande rief.

Und alles, was Geheimnisvolles je
Mir kund ward, dämmert' auf in meinen Sinnen:
Durchsicht'ge Schlösser auf dem Grund der See
Mit Silberpfeilern und Korallenzinnen;
Meerkönig saß mit seinem Bart von Schnee
Auf buntem Muschelstuhl und harfte drinnen,
Und Nixen spannen zu dem süßen Schall
Von goldnen Spindeln Fäden von Kristall.

Doch als ich älter ward, da lauscht' ich nicht
Auf weiße Nixen mehr noch auf Sirenen;
Mein eigen Leben blühte zum Gedicht,
Und wieder trug zum Strand ich all mein Sehnen.
Dem Seewind bot ich mein erhitzt Gesicht,
Er kühlte mich und küsste mir die Tränen
Vom Auge fort - ich aber sprang ins Boot
Und steuert' heiß hinaus ins Abendrot.

Und überm Wasser sang ich - mild und wild,
Reimlose Weisen, wie des Herzens Drang
Sie eingibt, wenn's bis zum Zerspringen schwillt,
Nun jauchzend, nun in Sehnsucht todesbang;
Heiß wie die Träne, die bewußtlos quillt,
So flutet' aus der Seele mein Gesang,
Der jungen Liebe kunstlos raues Lied,
Das erste, das die Muse mir beschied.

Und wenn des Mondes klares Auge dann
Im Blauen aufging, und auf weiter Flut
Sein kühles Silber irren Scheines rann,
Da ward mir still und friedensvoll zumut.
Das Ruder zog ich ein und saß und sann
Von goldner Zukunft. O, es sinnt sich gut
Im Kahne - nichts umher in Näh' und Ferne
Als Lieb' und Meer und über uns die Sterne.

Einst kehrt' ich heim - O, wie ich da sie fand,
Mein lockig Kind, das spät zum Strand gegangen,
Und wie ich schwieg, und sie mich doch verstand
Und selig glüht' und doch verstummt' in Bangen,
Wie meine Lippe brannt' auf ihrer Hand
Gleich Flamm' auf Schnee und dann auf ihren Wangen,
Und dann in wonn'gen Zähren all ihr Stolz,
In langen Küssen all ihr Wesen schmolz:

Wer sänge das! - Ein Jüngrer könnt' es kaum,
Von ros'ger Schönheit zum Gesang geweiht,
Ein Jüngrer, dem der Seele duft'gen Flaum
Noch nie versehrt des Schicksals Bitterkeit.
Mir aber liegst du fern schon wie ein Traum,
Du meines Herzens süße Veilchenzeit,
Du goldne Dämmrung, ach, mit allen Wonnen
Verweht im Wind, wie Flut und Schaum zerronnen. -

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