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Else Lasker-Schüler (1869-1945)

Mein Liebeslied

Wie ein heimlicher Brunnen
Murmelt mein Blut,
Immer von dir, immer von mir.

Unter dem taumelnden Mond
Tanzen meine nackten, suchenden Träume,
Nachtwandelnde Kinder,
Leise über düstere Hecken.

O, deine Lippen sind sonnig ...
Diese Rauschedüfte deiner Lippen ...
Und aus blauen Dolden silberumringt
Lächelst du ... du, du.

Immer das schlängelnde Geriesel
Auf meiner Haut
Über die Schulter hinweg -
Ich lausche ...

Wie ein heimlicher Brunnen
Murmelt mein Blut.

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Selma Meerbaum-Eisinger (1924-1942)

Rote Nelken

Ich habe Angst. Es drückt auf mich das Dunkel jeder
schwülen Nacht.
Es ist so still, und mich erstickt des großen Schweigens
schwere Pracht.
Warum, warum bist du nicht da? Ich hab' gespielt, ich
weiß - verzeih.
Ich hab' mit meinem Glück gespielt - es ging entzwei -
verzeih.
Es tut so weh, allein zu sein. Drum komm, ich warte ja.
Wir lachen uns ein neues Glück, so glaub es doch und
komm zurück - es ist ja so viel Lachen da.
Schau mich doch an. Ist wohl mein Bild noch da in deinem
fernen Blick?
Ich will dich, wie die Traube will, dass man sie, wenn sie
reif ist, pflückt.
Mein Haar, es wartet. Und mein Mund will, dass du wieder
mit ihm spielst.
Sieh - meine Hände bitten dich, dass du sie in die deinen
hüllst.
Sie sehnen sich nach deinem Haar und sehnen sich nach
deiner Haut,
wie nach dem Traum sich sehnt ein Kind, das ihn auch nur
einmal geschaut.
Schau, es ist Frühling. Doch ist er blind, er weint ja immerfort.

Solange wir nicht beisammen sind, so lange weint er wie der Wind, dem der liebste Wald verdorrt.
Sieh, alles wartet nur auf uns: es warten alle Wege, alle Bänke.
Es warten alle Blumen nur, dass ich sie pflücke und dir schenke.
Du hältst die Sterne, die auf unsrer Schnur noch fehlen, in
der Hand.
Du hast sie keiner anderen umgehangen. Und findest du für sie nicht bald ein neues Band,
so hast du mit den vollen Händen nicht was anzufangen.
Sieh - unsre Schnur, sie wartet noch. Ich hab' sie zärtlich
aufgehoben.
Es fehlt auch nicht ein einz'ger Stern und's ist kein fremder mit verwoben.
Wir müssen nicht um neue Schnüre fragen. Die alte ist
noch schön und lang.
Und hast du auch noch tausend Sterne in der Hand - sie
kann noch zehnmal tausend tragen.
Du bist so stark. Ich möchte mich so gern in deine Arme
lehnen. Wenn du mich führst, so geh ich schnell.
Entsinnst du dich noch jener Nacht, der Schnee war weich
und klingend hell,
in der dein Arm mich stark umfing und ich so schnell und
sicher ging, als wär' ich groß wie du?

O, komm und führe mich so gut von Hindernis zu
Hindernis. Ich will gewiss nicht müde sein,
ich bin dann sicher nicht mehr klein
und brauche keine Ruh'.
Und dann - in unsrem Liebeszelt, o dann, dann werfen wir
der Welt das hellste Lachen zu.
Nicht wahr, du kommst? Ich wein' nicht mehr. O nein,
ich bin ja nicht mehr leer,
du kommst gewiss, du kommst geschwind, o du mein
starker, schöner Wind -
du wirst zum Sturm und reißt mich mit in deinem heißen,
wilden Ritt.
Ich bin noch hier. Der Traum ist aus. Ich bin allein - wie
roter Wein, so kocht mein heißes Blut.
Du bist nicht da - und warst so nah, und warst so süße,
wilde Glut.
Der Frühling weint. Er weint um uns. Wirst du ihn ewig
weinen lassen?
Du bist so gut. Drum komm zurück - du sollst mich um
die Schultern fassen,
wir wollen glühn so wie im Traum, wir wollen blühn wie
Baum nach Baum aufblühen werden dicht bei uns.
Ich will dann lachen. Und dann klingt die ganze Luft - die
Sonne klingt. Das Wasser klingt, es klingt die Nacht -
so hör, ich hab' für dich gelacht!

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Selma Meerbaum-Eisinger (1924-1942)

Träume

Es sind meine Nächte
durchflochten von Träumen,
die süß sind wie junger Wein.
Ich träume, es fallen die Blüten von Bäumen
und hüllen und decken mich ein.

Und alle diese Blüten,
sie werden zu Küssen,
die heiß sind wie roter Wein
und traurig wie Falter, die wissen: sie müssen
verlöschen im sterbenden Schein.

Es sind meine Nächte
durchflochten von Träumen,
die schwer sind wie müder Sand.
Ich träume, es fallen von sterbenden Bäumen
die Blätter in meine Hand.

Und alle diese Blätter,
sie werden zu Händen,
die zärteln wie rollender Sand
und müd sind wie Falter, die wissen: sie enden
noch eh' sie ein Sonnenstrahl fand.

Es sind meine Nächte
durchflochten von Träumen,
die blau sind wie Sehnsuchtsweh.
Ich träume, es fallen von allen Bäumen
Flocken von klingendem Schnee.

Und all diese Flocken
sie werden zu Tränen.
Ich weinte sie heiß und wirr -
begreif meine Träume, Geliebter, sie sehnen
sich alle nur ewig nach dir.

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Ernst Blass (1890-1939)

An Gladys

(O du, mein holder Abendstern ...
Richard Wagner)

So seltsam bin ich, der die Nacht durchgeht,
Den schwarzen Hut auf meinem Dichterhaupt.
Die Straßen komme ich entlang geweht,
Mit weichem Glücke bin ich ganz belaubt.

Es ist halb eins, das ist ja noch nicht spät ...
Laternen schlummern süß und schneebestaubt.
Ach, wenn jetzt nur kein Weib an mich gerät
Mit Worten, schnöde, roh und unerlaubt!

Die Straßen komme ich entlang geweht,
Die Lichter scheinen sanft aus mir zu saugen,
Was mich vorhin noch von den Menschen trennte;

So seltsam bin ich, der die Nacht durchgeht ...
Freundin, wenn ich jetzt dir begegnen könnte,
Ich bin so sanft, mit meinen blauen Augen!

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Heinrich Heine (1797-1856)
www.lyrik-lesezeichen.de/gedichte/heinrich_heine.php

Lass mich mit glühnden Zangen kneipen ...

Lass mich mit glühnden Zangen kneipen,
Lass grausam schinden mein Gesicht,
Lass mich mit Ruten peitschen, stäupen -
Nur warten, warten lass mich nicht!

Lass mit Torturen aller Arten
Verrenken, brechen mein Gebein,
Doch lass mich nicht vergebens warten,
Denn warten ist die schlimmste Pein!

Den ganzen Nachmittag bis Sechse
Hab gestern ich umsonst geharrt -
Umsonst; du kamst nicht, kleine Hexe,
So dass ich fast wahnsinnig ward.

Die Ungeduld hielt mich umringelt
Wie Schlangen; – jeden Augenblick
Fuhr ich empor, wenn man geklingelt,
Doch kamst du nicht – ich sank zurück!

Du kamest nicht – ich rase, schnaube,
Und Satanas raunt mir ins Ohr:
Die Lotosblume, wie ich glaube,
Mokiert sich deiner, alter Tor!

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Alfred Lichtenstein (1889-1914)

Mädchen

Sie halten den Abend der Stuben nicht aus.
Sie schleichen in tiefe Sternstraßen hinaus.
Wie weich ist die Welt im Laternenwind!
Wie seltsam summend das Leben zerrinnt..

Sie laufen an Gärten und Häusern vorbei,
Als ob ganz fern ein Leuchten sei,
Und sehen jeden lüsternen Mann
Wie einen süßen Herrn Heiland an.

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August Stramm (1874-1915)

Dämmerung

Hell weckt Dunkel
Dunkel wehrt Schein
Der Raum zersprengt die Räume
Fetzen ertrinken in Einsamkeit!
Die Seele tanzt
Und
Schwingt und schwingt
Und
Bebt im Raum
Du!
Meine Glieder suchen sich
Meine Glieder kosen sich
Meine Glieder
Schwingen sinken sinken ertrinken
In
Unermesslichkeit
Du!

Hell wehrt Dunkel
Dunkel frisst Schein!
Der Raum ertrinkt in Einsamkeit
Die Seele
Strudelt
Sträubet
Halt!
Meine Glieder
Wirbeln
In
Unermesslichkeit
Du!

Hell ist Schein!
Einsamkeit schlürft!
Unermesslichkeit strömt
Zerreißt
Mich
In
Du!
Du!

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Julius Mosen (1803-1867)

Sehnsucht

Wär’ ich der Regen,
Ich wollte mich legen
Der Erde ans Herz;
Wie sollte sie blühen
Und jauchzen und glühen!

Wär’ ich die Sonne,
Ich sög’ mich vor Wonne
Ins dampfende Meer;
Wie sollt’ es da rauschen
Um Küsse zu tauschen!

Könnt’ ich verwehen,
Im Nebel vergehen,
Zerfließen in Luft:
Ich hielt’ voll Erbarmen
Die Welt in den Armen.

So mit dem Herzen
Voll Lieder und Schmerzen
Verglüh’ ich allein
Und sinke in Flammen
Und Asche zusammen.

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Theodor Storm (1817-1888)
www.lyrik-lesezeichen.de/gedichte/theodor_storm.php

Einen Brief soll ich schreiben...

Einen Brief soll ich schreiben
Meinem Schatz in der Fern;
Sie hat mich gebeten,
Sie hätt’s gar zu gern.

Da lauf ich zum Krämer,
Kauf Tint’ und Papier
Und schneid mir ein’ Feder,
Und sitz nun dahier.

Als wir noch mitsammen
Uns lustig gemacht,
Da haben wir nimmer
Ans Schreiben gedacht.

Was hilft mir nun Feder
Und Tint’ und Papier!
Du weißt, die Gedanken
Sind allzeit bei dir.

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Joachim Ringelnatz (1883-1934)
www.lyrik-lesezeichen.de/gedichte/ringelnatz.php

Zu dir

Sie sprangen aus rasender Eisenbahn
Und haben sich gar nicht weh getan.

Sie wanderten über Geleise,
Und wenn ein Zug sie überfuhr,
Dann knirschte nichts. Sie lachten nur.
Und weiter ging die Reise.

Sie schritten durch eine steinerne Wand,
Durch Stacheldrähte und Wüstenbrand,
Durch Grenzverbote und Schranken
Und durch ein vorgehaltnes Gewehr,
Durchzogen viele Meilen Meer. –

Meine Gedanken. –

Ihr Kurs ging durch, ging nie vorbei.
Und als sie dich erreichten,
Da zitterten sie und erbleichten
Und fühlten sich doch unsagbar frei.

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Wilhelm Müller (1794-1827)

Der Berghirt

Wenn auf dem höchsten Fels ich steh',
In's tiefe Tal hernieder seh'
Und singe,

Fern aus dem tiefen dunkeln Tal
Schwingt sich empor der Wiederhall
Der Klüfte.

Je weiter meine Stimme dringt,
Je heller sie mir wiederklingt
Von unten.

Mein Liebchen wohnt so fern von mir,
Drum sehn' ich mich so heiß nach ihr
Hinüber!

Viel steile Berge vor mir stehn,
Die Flüsse schäumend sich ergehn
Im Tale.

Der Aar sich in die Wolken schwingt,
Die Gämse durch die Klüfte springt
Hinüber!

Die Wolken ruhen auf der Höh',
Und durch die Nebel glänzt der Schnee
Der Gipfel.

Je stolzer mir mein Mädchen tut,
Je höher steigt empor mein Mut
In Liebe.

Ein Glöckchen klingt im stillen Tal,
Die Essen rauchen überall
Im Dorfe.

Ach, Mädchen, Mädchen, nimm mich bald!
Es ist so öd', es ist so kalt
Hier oben.

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Max Dauthendey (1867-1918)

Der Berg Kawi

Dort im östlichen Abendschein, der pfaublau,
Liegt ein gewaltiger Berg, genannt die »liegende Frau«.
Die Frau ruht ausgestreckt, den Kopf seitlich gewandt.
Wenn die Himmelsgrenze abends braunrot verbrennt,
Sagt mein Blut, dass es die »liegende Frau« erkennt,
Die Wangenrundung, die volle Hüfte und Brust,
Die Sehnsucht zeichnet mir dann deutlich der Sehnsucht Lust.

Es ist kein toter Berg, es ist mein atmend Weib,
Dort liegt es und wartet mit ergebenem Leib.
Die in der Sehnsucht warten, wachsen zu Riesen.
Ach, meine Schultern längst an die Sterne stießen.

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Ludwig Tieck (1773-1853)

Mittag

Ich soll sie sehn!
Fass' ich die Wonne?
O goldne Sonne!
Ich soll sie sehn!

Wo sind sie, die Quellen?
Die Wälder verschwunden.
Wo sind sie, die Höhn?
Es lachen die hellen
Liebäugelnden Stunden:
Du wirst sie sehn. –

Wie fremde Gestalten
Durchwandern die Gassen!
Wie rauschen die Brunnen! –
Ich kann mich nicht fassen,

Mein fliegender Blick
Durchwandert die Gassen,
Durchspäht die Gestalten,
Und suchet mein Glück.

Am Fenster, was siehst du?
Es flimmert der Schein.
O Bildnis, entfliehst du?
Kannst du es wohl sein?

O seid mir gegrüßet, ihr Wolken fliehend!
Gegrüßt ihr Fremdlings-Häuser!
Ihr Tauben flatternd! ihr Blumen blühend!
Waldrauschen du vom Berg hernieder!
Ich denk' es inniger, sprech' es leiser,
Das ganze Herz tönt es wieder:
Ich soll sie sehn!

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Dschang Dji (etwa 765-830)

Die unendliche Woge

Wie des Meeres Wellen
Auf und nieder wellen:
Also wogt unendlich mein Verlangen,
Dich zu fangen, zu umfangen.

Wie entflieh ich meinem Wahne?
Neige ich mich aus dem Kahne:
Immer seh den einzigen Gedanken
Ich im Meere auf und nieder schwanken.

(aus dem Chinesischen von Klabund)

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Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832)
www.lyrik-lesezeichen.de/gedichte/goethe.php

Was wird mir jede Stunde...

Was wird mir jede Stunde so bang? –
Das Leben ist kurz, der Tag ist lang.
Und immer sehnt sich fort das Herz,
Ich weiß nicht recht, ob himmelwärts;
Fort aber will es hin und hin
Und möchte vor sich selber fliehn.
Und fliegt es an der Liebsten Brust,
Da ruht’s im Himmel unbewusst;
Der Lebestrudel reißt es fort,
Und immer hängt's an Einem Ort;
Was es gewollt, was es verlor,
Es bleibt zuletzt sein eigner Tor.

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