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Ernst Wilhelm Lotz (1890-1914)

Ich küsste dich ...

Meine Lippen sind bunt gesprungen.
Ich küsste dich zu sehr, zu lang.
Mein buntes Herz hat sich in meine Lippen hinaufgeschwungen.
Hörst du: Es atmet und zuckt. Es stimmt einen süßen Gesang.

Es singt ein wehendes Lied auf deinen Mund.
Nur dein Lippenherz kann begreifen sein Tönen,
So singend, so bunt.
Langsam müssen wir unser Staunen daran gewöhnen.

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Eduard Mörike (1804-1875)
www.lyrik-lesezeichen.de/gedichte/moerike.php

Maschinka

Dieser schwellende Mund, den Reiz der Heimat noch atmend,
Kennt die Sprache nicht mehr, die ihn so lieblich geformt:
Nach der Grammatik greifet die müßige Schöne verdrießlich,
Stammelt russischen Laut, weil es der Vater befiehlt.
Euer Stammeln ist süß, doch pflegt ihr, trutzige Lippen,
Heimlich ein ander Geschäft, das euch vor allem verschönt!

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Wilhelm Müller (1794-1827)

Die Himmelfahrt

Dank deinem Kusse ganz allein, nun flieg’ ich in den Himmel,
Und hasche mit den Engeln mich im seligen Gewimmel.
Sie jagen mich, sie greifen mich, sie wollen gern mich fangen,
Ich reiß' mich los und laufe heim, zu küssen deine Wangen.

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Joachim Ringelnatz (1883-1934)
www.lyrik-lesezeichen.de/gedichte/ringelnatz.php

Ich küsse dich durch den langen Draht ...

Ich küsse dich durch den langen Draht.
Du Meinziges, du Liebes!
Was ich dir – nahe – je Böses tat,
aus der Ferne bitt ich: Vergib es!

(Aus: Telefonischer Ferngruß; zum kompletten Text.)

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Percy Bysshe Shelley (1792-1822)

Philosophie der Liebe

Quelle eint sich mit dem Strome,
Dass der Strom ins Meer vertauche;
Wind und Wind am blauen Dome
Mischen sich mit sanftem Hauche.
Nichts auf weiter Welt ist einsam,
Jedes folgt und weiht sich hier
Einem andern allgemeinsam -
Warum denn nicht wir?

Sieh den Berg gen Himmel streben,
Well in Welle sieh zerfließen;
Keiner Blume wird vergeben,
Wollte sie den Kelch verschließen,
Und der Himmel küsst die Erd,
Und das Mondenlicht den Fluss -
Was sind all die Küsse wert,
Weigerst du den Kuss?

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Sir Philip Sidney (1554-1585)

O Kuss, du Spender ...

O Kuss, du Spender rötlicher Juwelen,
Wie, oder neuer Paradiesesfrüchte?
Der du mit Süßigkeit durchströmst die Seelen,
Den stummen Mund lehrst edlere Gedichte;

O Kuss, in des Naturbanns Zauberdichte
Mit Geistern Geister selber sich vermählen;
Wie gern ließ ich dich schaun im hellsten Lichte,
Könnt ich auch nur ein Teil von dir erzählen!

Doch sie verbeuts; errötend spricht ihr Mund,
Sie bau ihr Lob auf ehrenwerten Grund;
Doch mein Herz brennt, ich kann das Wort nicht missen.

Drum, liebes Leben, wenn ich still sein soll,
Und doch nicht ruhn kann vor Entzücken toll,
Musst du, mich stillend, immer immer küssen.

(aus dem Englischen von Johann Gottlob Regis)

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August Stramm (1874-1915)

Abendgang

Durch schmiege Nacht
Schweigt unser Schritt dahin
Die Hände bangen blass um krampfes Grauen
Der Schein sticht scharf in Schatten unser Haupt
In Schatten
Uns!
Hoch flimmt der Stern
Die Pappel hängt herauf
Und
Hebt die Erde nach
Die schlafe Erde armt den nackten Himmel
Du schaust und schauerst
Deine Lippen dünsten
Der Himmel küsst
Und
Uns gebärt der Kuss!

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Frank Wedekind (1864-1918)

Galathea

Oh, wie brenn ich vor Verlangen,
Galathea, schönes Kind,
Dir zu küssen deine Wangen,
Weil sie so verlockend sind.

Dass ich auch die Gnade fände,
Galathea, schönes Kind,
Dir zu küssen deine Hände,
Weil sie so verlockend sind.

Und was tät ich nicht du süße
Galathea, schönes Kind,
Dir zu küssen deine Füße,
Weil sie so verlockend sind.

Und mich treibt der Pulse Stocken,
Galathea, schönes Kind,
Dir zu küssen deine Locken,
Weil sie so verlockend sind.

Aber deinen Mund enthülle,
Mädchen, meinen Küssen nie,
Denn in seiner Reize Fülle
Küsst ihn nur die Phantasie.

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Christian Felix Weiße (1726-1804),

Der Kuss

Ich war bei Chloen ganz allein,
Und küssen wollt ich sie:
Jedoch sie sprach: sie würde schrein,
Es sei vergebne Müh!

Doch wagt ich es, und küsste sie,
Wie oft? fällt mir nicht ein!
Und schrie sie nicht? Ja wohl, sie schrie - -
Doch lange hinter drein.

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