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Text (<i></i>kennzeichnet kursive Textstellen): Johann Gottfried Herder (1744-1803) Liebe Hätt’ ich Menschen-, hätt’ ich Engelzungen, Würde Gottes Lob von mir gesungen Wie ein Sternen-, wie des Himmels Sang, Und mir fehlete die Liebe, Liebe, Liebe: Ohne Dich sind meine Lieder toter Schellenklang! Hätt’ ich Prophezeihung, alle Tiefen Der Geheimnisse, Erkenntnistiefen, Berge zu versetzen, hätt’ ich Macht, Und mir fehlete die Liebe, Liebe, Liebe: Ohne Dich wär all mein Glaube, all mein Wissen Nacht! Gäb’ ich Armen alle meine Habe, Gäbe meinen Leib zur Gottesgabe Preis dem Feuer, lachete der Glut, Und mir fehlete die Liebe, Liebe, Liebe: Ohne Dich ist Tun und Leiden leere, blinde Wut! Liebe, Du bist gütig, freundlich, milde, Neidlos, eiferst nimmer toll und wilde, Nimmer stolz und ungebärdig nie, Nicht argwöhnisch, suchst das Meine, Nicht das Deine: Nur die Wahrheit, nicht die Lüge, Gutes freuet sie! Alles deckt sie, glaubt sie, hofft sie, duldet, Duldet Alles, was sie nie verschuldet. Liebe, Du wirst bleiben, Du allein! Alle Gaben werden schwinden, Sprachen schwinden, Alles Stückwerk der Erkenntnis: Liebe nur wird sein! Stückwerk ist mein Wissen, mein Vergleichen; Kommt das Ganze, muss das Stückwerk weichen; Kind ist Kind und klügelt wie ein Kind. Wird ein Mann an Kindereien Sich erfreuen? Er, ein Mann, ist männlicher gesinnt. Jetzt im Rätsel, jetzt im dunkeln Spiegel, Einst erscheinet uns der Wahrheit Siegel Wirklich, Angesicht zu Angesicht: Glaube bleibet, Hoffnung, Liebe, Doch die Liebe Ist die größte Aller, Liebe nur weicht nicht.
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